Archive für November 2006

Aus dem Leben eines Buchhändlers …

… wie ich schon schrieb, arbeite ich im Buchhandel.

Heute war ein schöner und ereignisreicher Arbeitstag. Ein Kollege kam vorbei, dessen Stelle ich übernahm, weil er in eine andere Filiale wechselte und wies mich nochmal auf Besonderheiten der Abteilung hin, gab mir wertvolle Tipps und Anregungen, Hinweise bezgl. der Verlage und das Recherchieren interessanter Angebote.

Als er dann fort war und ich in der Abteilung noch ein wenig Ware zu verräumen hatte, kam noch eine “Kundin”, die mich bat, ihr die politische Abteilung und die Geschichte zu zeigen, was ich bereitwillig tat. Ich nahm anfangs an, diese Frau sei eine Kundin mit hohen Ansprüchen … es stellte sich aber im Verlauf des Kontakts heraus, daß sie eigentlich nicht wirklich Bücher suchte, sondern sich eher darüber abfällig äußern wollte, daß sie bestimmte Bücher seit der Wendezeit nicht mehr in Buchhandlungen und/oder Bibliotheken finden konnte, die sich - ihrer Meinung nach korrekt - mit Stalin als Person und Monster beschäftigen. Wörtlich sagte sie: “Hitler war ja gegen Stalin ein Waisenknabe”. Mir fielen fast die Bücher aus der Hand, als diese Worte ihre Lippen verließen.

Vom Thema Stalin kam sie auf das Thema Demokratie, Linkspartei.PDS, Gregor Gysi, Gauck-Behörde, Oskar Lafontaine etc.pp.

Ich stellte fest, daß diese Person, die da heute abend in unserer Buchhandlung scheinbar ein williges offenes Ohr für ihre teils abfälligen Auslassungen auch über Ostdeutsche gefunden hatte, nichts wirklich kaufen wollte und mich von meiner eigentlichen Arbeit abhielt. Als ich mich kurz einer anderen Kundin, die eine echte Kaufabsicht hatte, zuwandte, sagte die ältere Dame noch nichts. Ich bat sie sogar um Entschuldigung für die kurze Unterbrechung. Als ich kurz darauf jedoch von der Klingel ans Abholfach, wo die Kundenbestellungen ausgegeben werden, gerufen wurde, und die Frau erneut um Entschuldigung bat, wurde sie - nunja, nicht ausfallend, doch machte sie eine abfällige Bemerkung und wandte sich zum Gehen. Ich schaute ihr ratlos nach, schaute fragend den am Abholfach wartenden Kunden an und schüttelte den Kopf, um mich dann gänzlich diesem Kunden zu widmen.

Ich dachte mir nichts Böses, nahm meine Beschäftigung wieder auf, die noch zu verräumende Waren unterzubringen, als die Dame nochmals zurückkam, um sich über mich zu beschweren. Ich lieh ihr erneut mein Ohr und wies sie auf die Möglichkeit hin, direkt bei der Filialleitung vorstellig zu werden: die Chefin stand gerade am Kassentresen.

Die “Kundin” ging nicht darauf ein, warf mir an den Kopf ein Undemokrat zu sein und ein verbiesterter Ossi. Und man könne sie als Kundin doch nicht so behandeln. In meinen Augen schlug sie sich damit selbst ins Gesicht. Weder war sie eine Kundin: sie hatte nichts gekauft, mich unnötig lange belagert und zugeschwafelt, behauptete nach ihrer Rückkehr Dinge über meine Person, von der sie keine Ahnung hatte. Als sie mich nach meinem Namen fragte, wies ich sie auf mein Namensschild auf der Brust hin und gab ihr meine Zustimmung zu ihrer (absurden) Beschwerde. Als sie endlich den Laden verließ wünschte ich ihr noch einen schönen Abend und …

hatte genug für diesen Tag.

Zitate

Ich hatte kürzlich (binnen der letzten vierzehn Tage) in der Berliner Zeitung in einem Kommentar von Christian Bommarius das “Franklin”-Zitat („Wer grundlegende Freiheiten aufgibt, um vorübergehend ein wenig Sicherheit zu gewinnen, verdient weder Freiheit noch Sicherheit.“) einem gewissen George Washington zugeordnet gelesen (Aussage klar?). Im Übrigen ist natürlich für keinen, der die Meinungsfreiheit sehr hoch schätzt eine Gesinnungsschnüffelei in irgendeiner Form akzeptabel. Aber inwiefern muß man Meinungen oder etwas, das als “Meinung” oder “Äußerung der Meinung” getarnt ist, erdulden, wenn dieses in Menschenverachtung mündet oder im Aufruf zu Gewalttaten? Ist die Leugnung von Genoziden durch die Meinungsfreiheit gedeckt? Bei der Leugnung von Fakten handelt es sich eigentlich um den Straftatbestand der uneidlichen Falschaussage, wenn ich nicht irre. Wenn man wider besseres Wissen oder wider die Fakten spricht, dann nennt man das Lügen. Sind Lügen von der Meinungsfreiheit gedeckt? Es geht mir nicht um political correctness, es geht um Leben und Tod!

der Blog an sich …

… wird dazu genutzt, um private Gedanken öffentlich zu machen. Ich habe einiges auf meiner Homepage hinterlegt, was ich dieser Tage hierher verpflanzen werde, weil es in einem Blog kommentierbar wird.

Sprache und Sprachen

Sprache schafft Kultur. Soviel haben wir schon erarbeitet. Sprache ist für die meisten Menschen das Hauptwerkzeug zur Verständigung untereinander. Nun haben sich im Laufe der Jahrtausende unter den Menschen verschiedene Sprachen entwickelt. Und eine davon gewinnt immer mehr an Dominanz: das Englische. Ich habe ja nun seit Erscheinen der Ausgabe Nr. 40/2006 des SPIEGELs mich daran gemacht, Anglizismen auf diesen Seiten zumindest zu reduzieren und als solche zu kennzeichnen (durch Kursivstellung).

Zuvor arbeitete ich in den letzten Wochen konzentriert an der Übersetzung nahezu aller Unterseiten. Mit der heutigen Restrukturierung habe ich diese Arbeit um einiges zurückgeworfen, da ich neue Unterseiten geschaffen habe. Ich bin mir nun aber auch nicht mehr sicher, ob ich diese Arbeit fortsetzen soll. Nicht nur, daß ich in Bezug auf bestimmte Themen schlichtweg an die Grenzen meiner Englischkenntnisse stoße, sondern ich frage mich auch, wie lohnenswert - vom eigenen Lerneffekt mal abgesehen, die Übersetzung der Seiten überhaupt ist. Zumindest habe ich bisher kaum Reaktionen auf meine Präsenz im WWW aus dem anglophonen Raum bekommen. Da fragt man sich dann schon manches Mal: “Wofür mache ich das?”

Anglizismen

Angeregt vom SPIEGEL 40/2006 und dessen Titelgeschichte “Rettet dem Deutsch” habe ich am 2. Oktober begonnen meine Seiten - oder zumindest den deutschsprachigen Teil auf Anglizismen hin zu überprüfen und zu überarbeiten, wo es mir sinnvoll erscheint. Ich war doch bass erstaunt, wieviel ich unbedacht eingebaut habe, obwohl auch passende und geläufige deutsche Ausdrücke zur Hand gewesen wären. Ich habe nun nicht wenige Anglizismen entdeckt, teilweise ersetzt und die verbliebenen in die korrekte Schreibweise überführt und, wo ich sie fand, nach Möglichkeit kursiv gesetzt. Es ist durchaus möglich, daß ich im ersten Durchgang dabei den einen oder anderen übersah. Entsprechende Hinweise nimmt jedes Elektropostformular dankbar entgegen - vorzugsweise die auf diesen Seiten befindlichen!

Man stößt dabei aber auch auf merkwürdige Grenzen (⇒ sh. Bildergalerie), oder wie würdet Ihr ein Bild, daß Ihr digitalisiert habt mittels optischer Abtastung (also mit Hilfe eines scanners) bezeichnen? Würdet Ihr nicht auch sagen, Ihr hättet es gescannt? Tatsächlich findet man das Wort ja auch im Rechtschreibduden. To scroll bedeutet übersetzt “rollen”. Gerade was das WWW betrifft, ist es schwierig deutsche Entsprechungen zu finden, ohne sich ggf. der Lächerlichkeit preiszugeben oder der Deutschtümelei verdächtig zu machen. Zumal man auch nicht in den affektierten Sprachduktus der Rechtsradikalen geraten will.

Das Problem der Deutschen mit ihrer Sprache hängt auch mit dem NAZI-Terror zusammen. Es sind nicht nur geistlose Werbestrategen, die mit ihren Wortschöpfungen und Sprüchen das Volk verblöden lassen und uns unserer eigenen Sprache entfremden, sowie die Machenschaften der KMK im Zuge der Rechtschreibreform (die ja im Prinzip auch auf die NAZIs teils zurückgeht [bzw. hatten die NAZIs auch schon einmal versucht, die deutsche Rechtschreibung, aber auch insgesamt den Sprachgebrauch zu reformieren]). Auch die Geschichte ist mit Schuld daran, denn bestimmte Worte wurden gewaltsam in Zusammenhänge gebracht, die man nicht anders als menschenverachtend bezeichnen kann (Stichworte Blut, Ehre, Vaterland … etc.).

Der SPIEGEL-Leitartikel der vierzigsten Kalenderwoche 2006 (also Ausgabe Nr. 40/2006) zeigt auf, daß schon Schopenhauer sich über die Verlotterung der Sprache beschwerte - er war über vierzig Jahre Zeitgenosse von Goethe, einem Menschen also, der der deutschen Sprache wie kaum ein anderer Glanz verlieh. Das heißt Aufstieg und Niedergang waren ziemlich dicht beieinander gelegen. (Vielleicht auch nur in der Wahrnehmung.)

Ob das nun “nur” Kulturpessimismus in Reinform ist, oder ob die deutsche Sprache wirklich eines Verfalls und schließlich den “Tod” erleidet, kann niemand sagen. Für beide Diagnosen gibt es Symptome. Welches nun aber wirklich die malaise ist, vermag kein Sprachwissenschaftler zu sagen, ohne Widerspruch aus der eigenen Zunft zu erzeugen. Mir persönlich ist das wurscht. Ich habe nur gemerkt: wenn ich wirklich die deutsche Sprache liebe, muß ich auch liebevoll mit ihr umgehen, sie ist es, die uns Deutschen als Volk, als Nation den Namen gab… sie bestimmt schon daher teils unsere Identität als Deutsche. Vieles andere kommt hinzu - und damit meine ich nicht Blut, Boden, Ehre … aber Kultur!