Archive für 2.11.2006

Berlin schafft de facto Schulbibliotheken ab

Der Senat von Berlin hat beschlossen, daß Oberstufenzentren (OSZ) in Berlin ab 2004 auf ihr Bibliothekspersonal bzw. auf ihre Bibliotheken verzichten sollen. In Kombination mit der Abschaffung der Lehrmittelfreiheit ist das eine Katastrophe in Hinblick auf den Zugriff ergänzender Literatur im Unterricht, da gerade die Fachbibliotheken dieser OSZs nicht durch den Gang zur Stadtbibliothek, die einen ganz anderen allgemeineren Ansatz und Bildungsauftrag hat, ersetzt werden können. Doch nicht nur an den Schulen soll der Ruin der Bankgesellschaft Berlin wettgemacht werden, sondern auch an den Universitäten und anderen vom Land finanzierten Bildungs- und Forschungseinrichtungen … es wird zusammengestrichen, was das Zeug hält. Dabei geht Thilo Sarrazin (Finanzsenator, SPD) von hinkenden Vergleichen mit Flächenländern wie Bayern und Baden-Württemberg aus, deren Schulen angeblich günstiger wirtschaften. Daß dort weniger Schulen mehr Schüler auch von weit außerhalb der Großstädte annehmen und die Finanzierung auf breiteren Schultern und mehreren zudem verteilt ist, verschweigt er geflissentlich. Man kann also nicht behaupten, daß Herr Sarrazin aus PISA auch nur eine Konsequenz gezogen hätte.

Daß die Stadtbibliotheken, sofern sie nicht kompetente Frauen und Männer an den Stellen für die Öffentlichkeitsarbeit sitzen haben, die Drittmittel und Sponsoren akquirieren können, ebenfalls mit dem institutionellen Tod zu ringen haben, macht sie auch nicht gerade zum idealen Ersatz für eventuelle Bibliotheksschließungen an den Schulen. Hinzu kommt, daß die Schulbibliotheken noch in der ersten Hälfte des Jahres teuer mit neuer software und Computern für Verbuchungssysteme und OPACs ausgestattet, das Personal für viel Geld geschult worden ist - und nun soll das Aus kommen? Wer versteht diese hirnrissige Logik der öffentlichen Verwaltung? In solchen Fällen mag man es bisweilen bedauern, daß standrechtliche Erschießungen abgeschafft worden sind.

Studiengebühren

Seit Jahren dreht sich die Diskussion schon um Studiengebühren. Das Schwachsinnigste was in dieser Diskussion immer wieder auftaucht, sind die Verweise auf die privaten Universitäten in den USA, die so richtig abkassieren. Gern übersieht man bei dieser Diskussion, daß die deutschen staatlichen Universitäten mit jenen gar nicht in einer Liga spielen.

D.h. unsere chronisch unterfinanzierten, vergleichsweise erbärmlich ausgestatteten Universitäten sind ein Witz gegen die privaten Unis in den USA. Zudem gibt es ein großes Stipendiensystem in den Vereinigten Staaten und selbst die Unis schreiben Studienplätze aus und vergeben sie teils an Hochbegabte KOSTENLOS.

Den Politiker will ich in Deutschland mal sehen, der das möglich machen will.

Für weitere Infos, weiterführende links zum Thema, die Ihr kennt, könnt Ihr mich gerne kontaktieren. Den link zum mailformular findet Ihr im Impressum.

Wie stehe ich zu Studiengebühren? - Nun, ich lehne sie insofern ab, als daß sie mir zu hoch sind und im derzeitigen staatlichen Wissenschaftssystem der Bundesrepublik Deutschland eine rein finanzielle Auslese unter den Studierenden und Studienbewerbern tätigen. Das Talent, die Intelligenz, die eigentliche Eignung zum Studium wird hier nicht abgefragt. Bei der gegenwärtigen und vergangenen Diskussion zu Studiengebühren an deutschen Hochschulen, die sich staatlich finanzieren, geht es allein um die Entlastung der Länderhaushalte zu Lasten der Studierenden. Eine Qualitätsverbesserung der Studien kann darüber nicht erreicht werden. Hier stiehlt sich die Politik nur aus der Verantwortung.

Das Beispiel Studiengebühren ist nur ein Schauplatz für das verantwortungslose Handeln der Politik im Allgemeinen. Die Privatisierungswellen der vergangenen Jahrzehnte sind eine schamlose und falsche Verneinung der staatlichen Verantwortlichkeit - keine echte und vor allem haushaltspolitisch sinnvole Tätigkeit. Privatwirtschaftliche Prinzipien hätte man mit entsprechendem Führungsanspruch und Handlungswillen durchaus auch in staatlichen Betrieben organisieren können. Was fehlte war der Wille dazu. Man behauptet schlichtweg, man könne niemals gut nach privatwirtschaftlichen Prinzipien in einem Staatsbetrieb agieren. Mit dem Verweis auf selbstgeschaffene Gesetze und Verordnungen hat man zudem sichergestellt, daß ein solches Handeln nicht erlaubt wäre. Verordnungen auf EU-Ebene, die ähnliche Aussagen treffen, binden die nationalen Regierungen an ihre Inkompetenz und ihren Unwillen.

Bildungssysteme in Deutschland und Erklärung zum Lebenslauf

In Deutschland liegt die Verantwortung für die Schulausbildung bei den Bundesländern. Durch die jeweils regierenden Parteien und ihre jeweilige Schul- und Bildungspolitik kommt es zu Unterschieden zwischen den Ländern und bisweilen zu Änderungen in den jeweiligen Schulsystemen nach erfolgtem Machtwechsel.

Als ich die Grundschule verließ, wechselte ich an die OST Vienenburg. OST stand hierbei für Orientierungsstufe. Sie umfasste die Klassen 5 und 6 und sollte dafür sorgen, daß die Schüler eine Zeit der Orientierung haben, welche spätere Schule sie im Anschluß besuchen wollten / sollten. Die weiterführenden Schulen in Deutschland gliedern sich wie folgt: Hauptschule (bis zur neunten einschließlich; bisweilen auch plus Klasse zehn) für ein leichteres/ das leichteste Lernniveau; Realschule (bis zur zehnten Klasse einschließlich) für ein mittleres Lernniveau (mittlere Reife ist dann der Abschluß); Gymnasium für das angeblich schwerste / höchste Lernniveau (i.d.R. mit erweitertem Realschulabschluß nach Klasse zehn; außer in Thüringen; Oberstufe wird nach drei weiteren Schuljahren mit Abitur abgeschlossen [oder auch nicht]).

Ich hatte also die OST Vienenburg besucht und im Anschluß eine Empfehlung zum Gymnasium bekommen. Nach dem Machtwechsel in Niedersachsen im März 2003 wurde diese Zwischenstufe von der Unions-Regierung abgeschafft und man kehrte wieder zurück zur früher beginnenden Selektion der Schüler, die nun wieder bereits nach Klasse 4 beginnt.

Im Rahmen der PISA-Studie wurde deutlich, daß Deutschland mit das schlechteste Bildungssystem der Welt hatte, und zunehmend mehr Pädagogen bzw. Bildungsforscher verlangen die Abschaffung des oben beschriebenen Dreigliedrigen Systems hin zur Gesamtschule.

Es ist aber nicht nur das Bildungssystem an sich, das für das schlechte Abschneiden Deutschlands bei der ersten PISA-Studie verantwortlich war. Es sind auch die Lerninhalte gewesen, die mangelnde Betreuung und das soziale Umfeld, das oft nicht abgefedert werden kann. Vor allem wurde bemängelt, daß in kaum einem anderen Land die Bildungschancen für Kinder aus den unteren Schichten schlechter sind als die der Oberschicht. Die Selektion nach Geldbeutel der Eltern hat eine lange und verruchte Tradition in Deutschland. Sie ist schimpflich.

Ich halte es ferner für ein großes Manko, daß sekundäre und tertiäre Bildungseinrichtungen (hier gemeint sind vor allem Bibliotheken, Museen und Theater, sowie die Volkshochschulen) schlecht bis gar nicht in das primäre Bildungssystem eingebunden sind.

Nachtrag vom 01.09.06: Die fünf neuen Bundesländer bzw. die Bürger selbiger haben nach Ihrer Rekonstruktion / Neuschaffung erlebt, wie dieses neue Schulsystem sich auswirkte auf Ihre früheren DDR-Lebensläufe. Man hatte die Chance verpasst, die Erfahrungen aus dem DDR-Schulsystem, das meines Wissens nach dem amerikanischen nicht mal so unähnlich war, aber überhaupt internationalen Standards teils eher entsprach (soweit ich weiß, was nicht wirklich viel ist), als das herkömmliche BRD-Schulsystem.

Was da noch alles auf uns zukommt, werden wir ja erleben (fürchte ich).

Ende der Bibliothekswissenschaft in Deutschland?

Im Zuge der Universiätsreformen und der Sparvorgaben des Senats durch den Universitäts-/Hochschulvertrag aus dem Sommer 2003 an der Humboldt-Universität beschloß das Präsidium neben der Schließung der Landwirtschaftlich-gärtnerischen Fakultät - ihrerseits einzigartig in der Region Berlin-Brandenburg - auch die Schließung des Institus für Bibliothekswissenschaften (IB) - seinerseits einzigartig in Deutschland - zum Jahre 2009. Der akademische Senat muß - wenn nicht schon geschehen - dem noch zustimmen. Ist die Bibliothekswissenschaft nun noch zu retten?

Es hat ja den Anschein, daß viele außerhalb des Institutes den Eindruck haben - vielleicht ohne auch nur einen Schimmer zu haben, wovon sie sprechen - die Bibliothekswissenschaft als solche sei entbehrlich. Wenn nicht, wie käme man sonst auf einen Beschluß, sie den Sparvorgaben der Politik zu opfern? Sinn und Verstand scheinen angesichts der Problematik um die Landwirtschaflich-gärtnerische Fakultät ohnehin nicht am Werk gewesen zu sein, bei dieser gibt es aber noch die - wenn auch kleine Möglichkeit - daß das Land Brandenburg in Form der Uni-Potsdam die Fakultät der HU-Berlin abkauft, wenn manche sicherlich auch dabei Federn lassen müssen.

Doch wer nimmt sich der Bibliothekswissenschaft an?

Vor Jahren entzog noch die Regierung Kohl einer bundesdeutschen, für das öffentliche Bibliothekswesen immens wichtigen Institution das Vertrauen: dem Deutschen BibliotheksInstitut (DBI). Seinerzeit gab es Spekulationen an der HU im IB, dessen Aufgaben nach und nach zu übernehmen. Es ist wohl nicht geschehen. Ein Fehler? Hätte die damalige Übernahme jener Aufgaben des DBI durch das IB an der HU das erneute Vorhaben der Uni-Leitung, das IB zu schließen, verhindert?

Vielleicht - vielleicht auch nicht. Entscheidend wäre vermutlich die Wirtschaftlichkeit eines derartigen Unterfangens gewesen. Hätte man gewinnbringend oder kostendeckend gearbeitet, hätte man das IB mit solchen Argumenten retten können. Verluste wären eindeutig inakzeptabel gewesen. Sinnlose Gedankenspiele - könnte man nun meinen.

In Potsdam steht eine FH - dort wird der Diplom-Studiengang Bibliothekswesen angeboten. Er ist Hauptargument der Gegner des IB gegen die Fortführung des Studienganges bzw. des Institutes (Die Schließung des Institutes ist nicht automatisch gleichbedeutend mit der Einstellung des Studienganges). Was sind die Unterschiede zwischen Bibliothekswesen und Bibliothekswissenschaft?

Die Bibliothekswissenschaft schlägt immer wieder Brücken zwischen Bibliotheks-, Dokumentations- und Archivwesen, die gleichartig aber nicht identisch sind. Man sucht und errichtet einen theoretischen Überbau für diese drei Fachhochschuldisziplinen, zeigt Probleme auf. Mit der Kombinationsmöglichkeit mit mindestens einem weiteren Studienfach, hat das IB sich das ehrgeizige Ziel gesetzt auch Absolventen für den höheren, leitenden Dienst in Bibliotheken, Archiven und Dokumentationsstellen, sowie wissenschaftliches Fachpersonal zur wissenschaftlichen Dokumentation, die im Zeitalter der Globalisierung und des internationalen (zumindest gewünschten) Informations- und Datenaustausches gebraucht werden, auszubilden. Dieses geschulte Personal also, das die schiere Flut an Publikationen allgemeinzugänglicher aber auch instituionsinterner Natur bändigen, erfassen und recherchierbar machen soll, ist eigentlich Mangelware. Jeder hält sich für einen Profi in fachgerechter Literaturauswertung und -bereitstellung, meist überläßt man derart wichtige Dinge aber eher bspw. Informatikern oder EDV-Spezialisten ohne dokumentarisches und/oder bibliothekarisches Fachwissen. Erst wenn die Wirtschaft wieder laut aufjault, daß dieses Fachpersonal fehlt, wird die Politik zögerlich und linkisch handeln. Doch könnte es dann für das IB zu spät sein.

Die Kurzsichtigkeit der Politiker greift auch unter Universitätsleitungen um sich, scheint ansteckend. Wir sollten es nicht wagen, so der Politik allzu willfährig entgegenzukommen und unsere schönsten Blüten und Kakteen opfern. Es gibt andere Einsparungspotenziale, die blind von den Uni-Leitungen Berlins ignoriert werden: in der Verwaltung, den Rechenzentren, den Jedermannsfächern (Jura, Medizin, Mathematik, Wirtschaftswissenschaften, Geschichte). Dort kann man durch Fusionen und/oder engere Kooperationen effektiv sparen, ohne reizvolle regional oder landesweit einzigartigen Blumen mit der Wurzel auszureißen. Wieso kommt nie ein Mensch darauf?

Ohnehin ist es meiner persönlichen Meinung nach, eine Katastrophe, daß man die Gelegenheit zur Fusion der großen Universitäten Anfang der 90er Jahr nicht genutzt hat. Universitäre Grabenkämpfe dürften dafür wohl ausschlaggebend gewesen sein.

Juristerei

Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemüh’n.

Goethe: Faust, Teil I, Szene 1

… und selbst, wenn man es nicht tat, die Juristerei berührt uns alle. Wir leben in einem Rechtsstaat.

Ist Euch bewußt, was das heißt? Ja? Wirklich? - Ich wette, Ihr liegt falsch!

In einem Rechtsstaat zu leben, heißt nicht beliebig viele Rechte zu haben und immer Recht zu bekommen. Sondern das heißt, es gibt Gesetzesbücher und Rechtsvorschriften, sinnige und unsinnige, die das Zusammenleben der Individuen und das Verhältnis Individuum - Staat bestimmen. Das heißt nicht, daß dieses immer zum Wohle beider Seiten geschieht. Aus leidiger eigener Erfahrung im Ärger mit Vermietern, Telekom, Versicherungen etc. habe ich hier für Euch etwas zusammengestellt.

Es ist besonders in Sachen internetrecht sehr spannend und wichtig, alles nur Erdenkliche zu tun, sich abzusichern. Nicht selten habe ich den Eindruck, daß die Beweislast in Sachen internet oft umgekehrt wird. Man wird abgemahnt und dann steht man da und ist verpflichtet seine Unschuld selbst zu beweisen, statt daß die Anklage bzw. das Gericht einem eine Schuld nachweisen kann bzw. dieses tut. Es mag natürlich auch sein, daß schlichtweg die Berichterstattung über solche Fälle eben diesen Eindruck erweckt.