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Ausgelöst durch den Hype um die Verfilmung des ersten Teils der Trilogie Pullmans und ein recht bemerkenswertes Interview des Autors beim KulturSPIEGEL habe ich mich endlich an die Lektüre dieser Romantrilogie gemacht.
Eine Bemerkung vorweg: im folgenden Artikel unterscheide ich Gott und “Gott”. Letzterer bezeichnet Pullmans Version, während ersterer ER ist.
Einen groben Überblick über die Romane können jene, die sie (noch) nicht gelesen haben, sich gerne bei Wikipedia verschaffen.
Ebendort wird schon darauf hingewiesen, daß der Autor antiklerikal eingestellt ist und dieses wohl auch sehr deutlich in seinen Romanen herausarbeitet. Ich will das hiermal klarstellen: die Einstellung, die aus den Büchern spricht ist nicht (nur) antiklerikal, sie ist m.E. atheistisch. Ich halte das nicht für weiter problematisch: jedem Tierchen sein Plaisirchen. Nur möchte ich deutlich sagen, daß antiklerikal von mir anders verstanden wird.
Wie komme ich zu dieser Behauptung? Der Autor konstruiert es so: Jener, der sich “Gott” nennt, ist laut Pullman der erste Engel; der Engel, der als erster entstanden ist - zusammengefügt aus “Staub”, einem Begriff, den Pullman gleichbedeutend mit Schattenteilchen oder aber auch Dunkler Materie benutzt.
Dieser erste Engel soll jene, die nach ihm entstanden sind, belogen und ihnen gegenüber behauptet haben, er habe sie geschaffen und nicht nur sie sondern alle Welt.
Aus diesem zentralen Faktum leitet sich nicht nur der Titel der Romantrilogie ab (- der im übrigen keine deutsche Übersetzung hat -), sondern eben auch meine Behauptung, das Werk sei nicht nur antiklerikal, sondern eben atheistisch. Der hier beschriebene “Gott” ist nicht der, der er zu sein vorgibt.
Soweit ich bisher mit meiner Lektüre gekommen bin, geht Pullman nicht darauf ein, ob es wirklich einen Schöpfer gibt oder nicht, oder ob es nur diesen Hochstapler gibt, gegen den eine Rebellion ausbricht.
Im ersten Band der Trilogie zeichnet sich im übrigen diese Erkenntnis noch nicht ab. Der erste Band erzählt die Geschichte von Lyra, ihren Leiden, der Rücksichtslosigkeit der Erwachsenen gegenüber Kindern, der Jagd nach diesem ominösen “Staub” und einige interessant geschriebene Abenteuer.
Bei alledem ist Lyra die einzige Sympathieträgerin in diesem Buch - und die zentrale Figur. Es gibt an anderen Figuren auch sympathische Züge, aber nicht in dem Maße wie bei Lyra.
Nach wie vor bin ich gespannt, wie Pullman Lyras Vater, Lord Asriel, der sich zum Anführer der Rebellion gegen “Gott” macht, zu einem Helden machen will - bzw. gemacht hat (?). Angesichts der Beschreibung “Gottes” möchte man eigentlich, daß Lord Asriel der schimmernde Held sei, doch dieser “Held” hat einen Makel: er hat Lyras besten Freund Roger, einen Küchenjungen, der von brutalen Kinderschändern entführt wurde, und der mitunter der Anlaß für Lyras große Abenteuer ist, auf dem Gewissen.
Wie kann man einen Mann zum Helden machen wollen, der ein Kind auf dem Gewissen hat, ein unschuldiges Kind, zum Zwecke des Erreichens seiner Ziele tötet? Zumal Lord Asriel zwar zum Erreichen seines Zieles mitunter bereit war ein Kind zu opfern, aber doch davor zurückschreckte, seine eigene Tochter zu opfern. Nicht nur ist dieser Charakter ebenfalls ein skrupelloser Kinderschänder m.E. - er ist auch inkonsequent in seinem Handeln. Diese Tochter hat er nach außen sein Leben lang verleugnet, sich keines Wegs wie ein liebevoller Vater ihr gegenüber verhalten. Wie kommt es also, daß er vor dem Mord an seiner Tochter zurückschreckt? Das erscheint mir nicht konsequent, es erscheint mir unglaubwürdig.
Die plötzlichen Muttergefühle Mrs Coulters im dritten Band (Das Bernstein-Teleskop) sind auch nicht gerade glaubwürdig, aber bei ihr hat Pullman schon öfter dafür gesorgt, daß diese Lyras Leben verschonte. Schon im ersten Band (Der Goldene Kompass) rettete sie Lyra vor dem Skalpell, das sie von ihrem Dæmon Pantalaimon abschneiden sollte.
Ein drittes - für mich sehr irritierendes - Faktum an Inkonsequenz in diesem Werk: Die Namen der Engel, die Pullman wählte haben keinelei (?) Übereinstimmung mit der Überlieferung der Kirche(n).
Während bspw. Christoph Marzi in seinem Buch “Lycidas” mindestens einen auch in der Kirche bekannten Erzengel nämlich Uriel erwähnt, greift Pullman zwar biblische Namen auf (Enoch, Baruch), aber keine Engelsnamen wie Gabriel, Michael oder andere. Wenngleich er den laut jüdischer Tradition wohl sehr hochstehenden Engel Metatron erwähnt, der lt. Überlieferung der zum Engel erhobene Enoch (Henoch) ist/sein soll. Wikipedia verweist auf weitere populäre namentliche Erwähnungen Metatrons in jüngerer Vergangenheit, die ihn gemeinhin als die Stimme Gottes erwähnt - was Pratchett bspw. salopp in einer Fußnote seines Romans “Ein gutes Omen” wohl mit Pressesprecher Gottes zu erklären versucht.
Ein viertes: Pullman stellt kein Gegenprinzip zu seinem Hochstapler auf. Es gibt nichts und niemanden (soweit ich in der Lektüre gediehen bin), dessen Herrschaft an “Gottes” Stelle man zweifelsfrei anerkennen könnte. Dieses ist für mich ein weiteres Indiz dafür, daß das Prinzip der Geschichte atheistisch ist: es gibt nichts, das über den Menschen bzw. der ganzen Intelligenz eine höhere Herrschaft ausüben könnte bzw. dürfte. Nichts und Niemand hat eine Legitimation zur Herrschaft über das Leben. Es gibt keine ordnende Kraft, kein höheres Prinzip, dem man seine Handlungsweise gegenüber rechtfertigen müsste oder könnte. Alles ist Lug und Trug.
Ich erwähnte ein KulturSPIEGEL-Interview mit Pullman: ihr findet es hier. Dummerweise ist der Artikel bzw. das Interview nicht mehr frei verfügbar. Pullman, auf Tolkien angesproche, sagte über dessen Hauptwerk “Herr der Ringe”, es sei trivial und der einzige interessante Charakter sei Gollum. Was Tolkies Werk dem Pullmans voraus hat, ist folgendes: es ist in sich schlüssig und eine runde Sache. Soweit ich Pullmans Dark Materials gelesen habe, kann man das von diesem Werk nicht behaupten, und in Folge stelle ich mir die Frage nach dem Erfolg der Bücher. Sie erzählen zweifelsohne eine überwiegend spannende Geschichte, reich an Abenteuern für die Heldin Lyra und ihren Freund Will, den sie in Band Zwei (Das Magische Messer) kennenlernt. Aber wenn der “Herr der Ringe” so trivial sein soll (ich habe bis zur Interviewlektüre von anderen Lesern angesichts der vor allem im zweiten Teil “die Zwei Türme” parallellaufenden Handlungsstränge eher gegenteiliges gehört), verstehe ich nicht, wie Pullman mit seinem mitunter vielzähligereren Parallelhandlungen in “His Dark Materials” und dem ganzen Sachverhalt rund um “Gott” und “Staub” und seiner verquasten Anti-Theologie genauso erfolgreich sein will. Der achso triviale “Herr der Ringe” hat keine mir bekannte Stelle, die irgendetwas unklar am Verlauf der Geschichte lässt - das einzige unbefriedigende Rätsel ist Tom Bombadil - aber in sich schlüssig! Aber wieso hat bspw. John Parry alias Jopari alias Dr. Stanislaus Grumman einen Dæmon, sein Sohn Will aber nicht (zumindest bis einschließlich zum 15. Kapitel des dritten Bandes) - obwohl er mehrfach in Lyras Welt eintritt. Wieso verschwinden die Dæmonen der Menschen aus Lyras Welt nicht im Innern ihrer Körper/Seelen, sobald sie Wills Welt betreten: INKONSEQUENT! Zwar hat Pullman nie die genauen Umstände beschrieben, wie John Parry letztlich seinen Dæmon kennenlernte, wie dieser aus ihm herauskam, aber dennoch ist das ein nicht konsequentes Dingen. Was macht Mary Malone und Pater Gomez immun gegen die Gespenster der Welt von Ci’gazze? Mrs Malone wird nur gesagt, daß sie ihr nichts tun werden. Von wem? Vom Staub. Toll! Pater Gomez? Er beruft sich auf seine Heilige Aufgabe - einen noch nicht ausgeführten Mord, für den er schon die Absolution erhielt. Wieso sollte das die Gespenster kümmern? Welche Autorität befielt dieses den Gespenstern, ihn und Mary Malone - die im übrigen prinzipiell verfeindet sind - zu verschonen. Widersprüchliche Eingebungen?
Ich glaube im übrigen mittlerweile auch an die im Grunde genommen Unverfilmbarkeit dieser Bücher. Und wenn der Goldene Kompass als Film allein bleiben sollte - wird nichts vermisst werden, denn viele halten die Verfilmung als zu arg gekürzt. Im Gespräch mit einem, der den Film gesehen hat, stellte ich fest, daß entscheidende Details und Teile der Handlung des Romans im Film fehlten. Empfand man die Dinge als unvermittelbar?
Der Heyne-Verlag zitiert die Zeitung die Woche mit der Buchkritik: “An J.R.R. Tolkien muß sich jede Fantasy Literatur messen lassen. Pullman kommt diesem Maßstab so nahe wie wenige vor ihm.” Er selbst glaubt sich Tolkien überlegen. Ich meine, die beiden seien nicht vergleichbar, da die Konstrukte zu unterschiedlich sind - und im Gegensatz zu Tolkien hat- unter dem Vorbehalt des Irrtums und einer möglichen Aufklärung der Fragen gegen Ende des dritten Buches - er als Konstrukteur einer phantastischen Welt auf Grund von Inkonsequenzen versagt. Wenn man sich auf insgesamt über 1000 Seiten ausbreitet, sollte man doch wohl im Stande sein, am Ende keine Fragen offen zulassen. (Wobei ich zugegebener Maßen bisher nicht das Ende erreicht habe.) Aber: bei Harry Potter steht spätestens am Ende des Ersten Bandes fest, was Harry vollbringen muß: die endgültige Vernichtung Lord Voldemorts, wenn auch nicht klar ist, wie. Ziemlich schnell wird auch im Herrn der Ringe klar was zu tun ist: der Ring muß vernichtet werden, um zu verhindern, daß Sauron die Welt in eine zweite Dunkelheit stürtzt. Bei Pullmans Trilogie zeichnet sich zwar im Laufe des zweiten Bandes ab, daß Lord Asriel “Gott” stürzen und überwinden will - aber ich bin mir nicht sicher, daß ich ihm alles Gute zu diesem Plan wünschen soll, denn Lord Asriel ist kein Sympathieträger: er unterschätzt seine Tochter in ihrer Leistung und sie ist ihm gleichgültig - aber Lyra ist die Hauptperson in dieser Geschichte und sie ist die Sympathieträgerin. Lord Asriel versucht, sie in ihren Vorhaben und Unternehmungen zu behindern, und damit wird unklar wohin die Reise in dieser Geschichte überhaupt geht.
Bei Rowlings Potter-Heptalogie, auf die Pullman im gleichen Interview auch angesprochen wird und Bezug nimmt, hat in sich einige Stellen, wo die Fans sich streiten, ob sie Widersprüche im Werk darstellen oder nicht. Mir sind dort aber keine wirklich inkonsequenten Fakten aufgefallen. Wikipedia und Pullman selbst in jenem Interview nehmen nicht nur Bezug auf Tolkien und Rowling, sondern auch auf Lewis’ “Chroniken von Narnia”. Pullman meinte, diesen seine Geschichte(n) um Lyra als Gegenentwurf gegenüber zu stellen.
Worin der Gegenentwurf bestehen soll, begreif ich nicht ganz. “Die Chroniken von Narnia” sind als religiös motivierte Märchensammlung zu betrachten - der Erzählstil erinnert an Lewis Carroll. Pullmans “Dark Materials” sind ein atheistisch-antiklerikales Werk, die im ersten Roman noch eine sehr anheimelnde Atmosphäre viktorianischer couleur verbreiten, sich aber schnell in einem diffusen Wirrwarr aus angedeuteter Apokalypse und heimatloser Akteure zusammensetzt, deren Ziele bis zur Hälfte des dritten Buches nicht ganz klar werden. Die Sinnhaftigkeit der Geschichte(n) bleibt offen. Bis jetzt frage ich mich auch, was diese wirre Mulefa-Episode soll. Wo trägt die die Geschichte hin?
Um zwei Dinge ganz klar zu stellen: diese Kritik hat einen vorläufigen Charakter: ich bin zur Zt. (27.01.08 17:38) am Schluß des 15. Kapitels des dritten Bandes angelangt, vor mir liegennoch ca. 300 Seiten Buch.
Zum anderen: Mr Pullman hat natürlich das Recht ein antiklerikales bzw. Gott-verneinendes Buch zu schreiben - ich halte das nicht für gefährlich oder verwerflich. Ich kritisiere allein Unstimmigkeiten auch in Bezug auf Verweise auf Werke anderer Autoren!
Insgesamt mag Pullman ein ehrgeiziges Ziel mit dieser Trilogie gehabt haben. Doch ich sehe nicht, daß er Erfolg hatte (Mittlerweile beginne ich Bd.3 Kapitel 17).
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