- Blogging Babylon - http://ygerne.net -
Tolkien und “Der Herr der Ringe”
Dieser Eintrag stammt von Wolf Am 16.2.2008 @ 16:20 In Literatur, Kultur&Bildung | 1 Kommentar
Wie kein anderes Buch vor und nach ihm verkaufte sich die Roman-Trilogie “Der Herr der Ringe” des britischen fantasy-Autors und Professors für Englische Literatur- und Sprachwissenschaft John Ronald Reuel Tolkien. Es ist das meistgekaufte Buch - nach der Bibel - und vermutlich auch ebenso häufig gelesen. Die Verfilmung von Peter Jackson führte mehrere Millionen Menschen in die Kinos und nach Mittelerde und oftmals vorher oder hinterher auch in Buchhandlungen und Bibliotheken. Doch das Buch ist auch sehr umstritten. Nicht alle Leser sind begeistert. Das wäre auch merkwürdig. Das Buch, das alle begeistert, gibt es nicht - kein Kunstwerk, gleich welcher Art, vermag alle Menschen auf die gleiche Art und Weise zu packen, zu faszinieren und zu begeistern - weder Skulptur, noch Bild, nicht Buch, noch Musik oder Bauwerk oder was auch immer. Doch das Werk Tolkiens ist tiefgründiger, umfassender und weitreichender, als Peter Jacksons Verfilmung der Roman-Trilogie (auch wenn Jackson sich alle Mühe gab, der Vision Tolkiens so nahe zu kommen, wie es nur möglich und für Kinogänger erträglich war). Es gibt nicht nur zahlreiche weitere Bände, die meist erst posthum erschienen, herausgebracht und kommentiert von Tolkiens Sohn Christopher, sondern die Intention, das Buch zu verfassen und auch für alle anderen Geschichten Tolkiens, war mehr, als nur die pure Lust am Geschichtenerzählen und Unterhalten der Leser. Er wollte auf seine Art und Weise, den Menschen die Welt erklären - ihre Herkunft, ihr Ziel und den Sinn des Lebens. Nicht mehr - aber auch nicht weniger. Und auch so darf man dann den Erfolg des Buches neben der Bibel erklären und verstehen.
Tolkien zeigt im “Silmarillion” die Schaffung der Welt, Ihre Formung und Umgestaltung, und er zeigt teilweise plastischer als die Bibel den Ursprung des Bösen, der Zerstörung. Tolkien schuf für die Briten zuvorderst, aber auch für die moderne Welt einen neuen Mythos, einen neuen Ansatz zur Erklärung der Welt in plastischen Geschichten, der Bibel nicht unähnlich, unserem Sprachgebrauch aber näher und jünger, teils leichter verständlich. Ein Moralkodex in dem Sinne aber enthält das Werk Tolkiens nicht unmittelbar, wenn man ihn auch aus dem Erzählwerk herleiten kann. Hierbei steht er aber eher in einer aufklärerischen Tradition und seine Verehrung für die Naturschönheit ist groß, wenn man auch zugeben muß, daß weder Spinnen noch Motten und andere Kriechtiere allzu gut wegkommen und wenig Ansehen bei ihm
genießen. Doch seine Weltsicht hat auch ökologische Aspekte. Das arbeitete Peter Jackson in der Verfilmung “Die Zwei Türme” sehr gut heraus.
Tolkien kann als Urvater der modernen fantasy gelten. Vor Tolkien beschränkte sich die phantastische Literatur weitestgehend auf Gruselgeschichten und Schauermärchen à la Grimm oder Poe, oder man hatte eher komische Geschichten wie “Alice in Wonderland” von Lewis Carrol oder “Gulliver’s Travels” von Jonathan Swift, die Stereotypen von Menschen der jeweiligen Gegenwart in phantastischen Kontexten auf die Schippe nehmen.
Nach Tolkien kam kaum nochmal ein vergleichbares Werk heraus - bis jetzt. Die Verfasser der phantastischen Geschichten, die folgten, mögen genial oder auch nur gut sein - vergleichbar sind sie kaum, auch wenn sie durchaus an Tolkien anknüpfen mögen. Es bleiben meist Geschichten, die erzählt werden sollen, sich aber nicht so recht in den mystisch angehauchten Rahmen fügen möchten, den Tolkien bot, und dessen Ausbau seitens anderer er durchaus beabsichtigte. Die erzählten Geschichten, wo sie an Tolkien anknüpfen, haben nicht diesen Drang, die Welt mit neuen Mythen zu erklären, neue Märchen zu schaffen, die uns träumen lassen und ggf. Trost spenden. Sie sind meist nur unterhaltsam und gut für den Umsatz im Buchhandel (mehr oder minder; einige sind manchmal zunächst eher Ladenhüter).
David Day schrieb ein Buch zum mythologischen Hintergrund von Tolkiens Werk. Es erschien bei Klett-Cotta unter dem Titel “Tolkiens Welt - die mythologischen Quellen des Herrn der Ringe” (ISBN 3-608-93629-7; 22,50 €). Dort erklärt er bspw. die Zusammenhänge zwischen dem Kult der indischen Göttin Kali und Ungoliants Unlicht oder die Parallelen zwischen dem Mythos von Orpheus und Eurydike und dem von Beren und Lúthien. Der Band ist reich und schön illustriert. Man könnte sich teils aber durchaus wünschen, daß er noch tiefer gehen würde.
Weiteres zu Tolkien findet Ihr [1] hier. ⇒ vergl. [2] Tolkien-Ausgaben | [3] Kirche vs. Fantasy
Dieser Artikel wurde ausgedruckt ab Blogging Babylon: http://ygerne.net
URL zum Artikel: http://ygerne.net/2008/02/16/tolkien-und-der-herr-der-ringe/
URLs in this post:
[1] hier: http://vilos.net/literature/litlinx/linx_tolkien.html
[2] Tolkien-Ausgaben: http://ygerne.net/2008/02/16/der-herr-der-ringe-welche-ausgabe-ist-schner/
[3] Kirche vs. Fantasy: http://ygerne.net/2008/01/27/kirche-vs-phantastische-literatur/
[4] Galadriel’s Song of Eldamar: http://vilos.net/literature/eldamar.html
Klicken hier zum Drucken.