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Was ist Vernunft?
Dieser Eintrag stammt von Wolf Am 27.6.2009 @ 16:35 In Kulturelles und so, Sprache, Das Leben, das Universum und der ganze Rest | 1 Kommentar
Meinungsäußerungen hängen in aller Regel mit dem Gebrauch der Sprache und dem Denkapparat zusammen (hoffentlich). Der menschliche Denkapparat ([Groß-]Hirn) wird gemeinhin mit dem Sitz von Vernunft und Intelligenz verbunden, wobei nicht immer klar ist (auch mir gegenwärtig nicht), ob diese Begriffe synonym verwendet werden (können).
Ich weiß, das aktuell mindestens zwei Bücher auf dem Markt in den Topsellerlisten sind, die sich mitunter mit diesem grundlegenden und äußerst schwierigen Thema auseinandersetzen (Precht: Wer bin ich und wenn ja wieviele?; Sloterdijk: Du mußt Dein Leben ändern). Zumindest kann man diese (populär-)philosophischen Betrachtungen auch als zu diesem Thema gehörig einstufen, selbst wenn sie vordergründig sich mit anderen Themen beschäftigen. Alle Philosophie, alle Literatur ist eine Übung in Vernunft, eine Übung im Verstehen mit Hilfe erlernter Kulturtechniken (Lesen, Sprachgewalt etc.). Lesen bildet (den Charakter, die Intelligenz, das Verständnis, die Kommunikationsfähigkeit, die Wasweißichnichtnochalles …).
Vielen ist eigentlich nicht klar, daß sie mit dem Erwerb dieser Kulturtechnik, welch machtvolles Instrument sie in Händen (?) halten. Wieso verboten die Taliban alle Bücher mit Ausnahme des Koran, und den Schulbesuch seitens weiblicher Menschen? Es ist eine Machtfrage, eine Frage, wie Vernunft erworben wird durch den zeitgleichen Konsum von fremden Ideen, der Übung der rudimentär bereits eigenen Vernunft zu einer höherentwickelten durch Gebrauch des Denkapparates zu seinem eigenen Sinn und Zweck.
Mein Versuch, Vernunft zu beschreiben oder zu erklären, ist leider nicht perfekt, da ich nicht in der Lage bin, den Begriff Vernunft ohne die Verwendung seiner selbst darzustellen. Die Frage ist … geht das überhaupt?
Zitat Brockhaus in Text und Bild Edition 2002:
"Vernunft,
allgemein das Denkvermögen, die Einsicht; in der Philosophie nach I.Kant das Vermögen der Ideenbildung, die geistige Fähigkeit des Menschen, alle Einzelerfahrungen auf regulative Ideen wie »Welt«, »Seele« usw. hin zu orientieren und sie dadurch zu einer Gesamterfahrung zusammenzuschließen; als oberstes Erkenntnisvermögen dem Verstand übergeordnet. (Rationalismus)
Hier finden Sie in Überblicksartikeln weiterführende Informationen:
Aufklärung: Sieg der Vernunft?
Descartes: Von der Methode des richtigen Vernunftgebrauchs
Vernunft und Glaube
Literatur:
Mittelstraß, J.: Neuzeit und Aufklärung. Studien zur Entstehung der neuzeitlichen Wissenschaft und Philosophie. Berlin u.a. 1970.
Gadamer, H.-G.: Vernunft im Zeitalter der Wissenschaft. Frankfurt am Main 1991."
© 2002 Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG
"Aufklärung: Sieg der Vernunft?", "Descartes: Von der Methode des richtigen Vernunftgebrauchs" und "Vernunft und Glaube" sind in jener Ausgabe eigenständige Artikel(-überschriften), auf die verwiesen wird.Die Literaturangaben wirken (auf mich) ein wenig spärlich und selbst für eine Ausgabe, die schon sieben Jahre alt ist veraltet, auf jeden Fall aber unvollständig.
Aber eben jenes Instrument Vernunft, befähigt uns richtig und falsch zu unterscheiden und unsere Handlungsweise zu beeinflussen - mitunter auch zu einer falschen Handlungsweise, von der wir wissen, daß sie andere schädigt, aber uns einen (vermeintlichen ?) Vorteil bringt.
Jüngste Untersuchungen bei Halbaffen haben wohl gezeigt, daß auch dort gewisse Vernunftbegabungen vorhanden sind: niederrangige Affen, die im Gegensatz zum Leittier einen freien Blick auf eine Futterquelle hatten, haben - je nach Art - entweder dem Alpha-Tier einen Wink gegeben, daß da was Leckeres ist oder haben das Wissen um die Futterquelle für sich behalten und diese bei Gelegenheit geplündert. Dahinter muß, so vermuteten die Forscher, eine gewisse Fähigkeit zur Abwegung von Argumenten stecken. Und sei es nur so simpel gestrickt wie Futter oder nicht Futter. (recherchierbar bei 3sat.de/nano)
Wo fängt also Vernunft an und wo macht sich ihr Einsatz bemerkbar? Und wieso erscheint so vieles im menschlichen Handeln im großen Maßstab unvernünftig? Bzw.was ist im Gegensatz zur Vernunft die Unvernunft?
Mitunter ist (hier vor allem an die Adresse der Unionsparteien gerichtet) der Artikel "Vernunft und Glaube", der weiter oben schon erwähnt wird, m.E. ein zynischer Seitenhieb auf jene Europäer, die das Abendland (Okzident, die Länder der sogenannten westlichen Hemisphäre) als vom christlichen Glauben geprägt sehen: "[…] Und gegenüber der Ernsthaftigkeit, mit der diese Fragen neuerdings gestellt wurden, verblassten der unbeholfene Versuch einer Antwort, der Hinweis auf Gottes unergründlichen Ratschluss, das Mysterium seines Willens oder das Jenseits, zu einem allzu billigen Ausweg, der der menschlichen Vernunft einfach unwürdig war. Mit der Aufklärung endet die christliche Prägung des Abendlandes, die Kirche gilt nun nicht mehr als Lehrmeisterin der Völker. […]"
© 2002 Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG
Ich find das witzig, aber dieser Artikel irrt, wenn er die Prägung des Okzidents durch die christlichen Kirchen mit Beginn der Aufklärung komplett negiert. Wäre dem so, hätte man in der Französischen Revolution nicht so vehement gegen die katholische Kirche vorgehen müssen (wobei Robespierre etc. sich hier vermutlich als Erfüllungsgehilfen des Sieges von Vernunft über Glaube sahen), und Bismarck hätte keinen Kulturkampf gegen die Katholiken in Schlesien und im Rheinland (vor allem gegen den Kölner Erzbischof) führen müssen. Was hingegen stimmt: mit der Aufklärung beginnt der Bruch mit der Religion und der kirchlichen Bevormundung im Abendland.
"Habe den Mut Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen." Dieser Verstand sollte mitunter auch am 27.09.09 an den Wahlurnen Gebrauch finden. Dieser Verstand ist wichtig für jeden von uns im Leben mit- und leider auch manchmal gegeneinander.
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