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Gretchen

Im letzten Dezember erschien bei Rowohlt ein Taschenbuch, daß vordergründig ein historischer Kriminalroman ist und die Geschichte der Susanne Brand aufgreift, jener real einst existierenden Kindsmörderin, die Goethe als Vorbild für sein Gretchen (Faust) gewählt haben soll.

Mit einer sehr komisch anmutenden Sprache (im Falle der wörtlichen Rede) hat dieses Buch nicht nur einen wirklich humoristischen Zug (wenn man einen etwas verqueren Humor hat), sondern es zeichnet zudem ein sehr plastisches Bild eines Frankfurts um 1770/71 in Bezug auf Gesellschaftsstruktur und Makel einer jeden Gesellschaft: die Egozentrik des Menschen und seine Raffgier. Probleme werden dort am Rande aufgegriffen, die aktueller kaum sein könnten: es handelt mitunter von Menschen, die nicht genug Geld verdienen, um wirklich überleben zu können, Menschen, die sich Rechte erkaufen, und anderen, die sich so etwas nicht leisten können. Es handelt mittelgründig von der ganzen Verderbtheit einer Spezies: dem Menschen.

Der Mensch, obgleich ein Herdentier und sich zusammenrottend, zeigt sich auch in dieser Geschichte wieder unfähig und unwillig, echte Solidarität und Hilfe zu leisten. Inkompetenzen und Hokuspokus werden am Rande auch thematisiert, aber im Zentrum steht doch das Gretchen bzw. sein historisches Vorbild, die Magd Susanne Brand, unverheiratet, verhätscheltes Nesthäkchen einer eigentlich fast mittellosen Familie, die den Schwestern fast nur Kummer bereitet.

Ein sehr empfehlenswertes Buch, das über die bloße Unterhaltung mit einer Kriminalgeschichte dem Leser auch wieder einmal eindrucksvoll vor Augen führt, welch widerlicher Spezies er angehört.

Begriffe des Menschen

Der Mensch besitzt in seiner Sprache Worte, Wörter und Begriffe für Dinge und Ziele, die er nie erreichen oder nie in ihrer Gesamtheit erfassen kann. (Dieser Satz könnte hier auch im Plural stehen.)

Der Mensch ist nicht im Stande, das Universum komplett zu erfassen (weder mit Meßinstrumenten noch mit dem Verstand).

Der Mensch ist nicht im Stande, das Leben komplett zu erfassen (in seinen Auswüchsen und seiner vielgestalten Form, noch das eigene in den verschiedenen Windungen und Wendungen des jeweiligen Schicksals).

Der Mensch ist nicht im Stande, die Wahrheit komplett zu erfassen (verschiedene Blickwinkel, Ideologien und Indoktrinationen verhindern dieses).

Der Mensch ist nicht im Stande, die Natur komplett zu erfassen (allein die Hindernisse, alle Regionen der Erde erforschen zu wollen, können nicht immer beiseite geräumt werden, und manchmal bekommt der Mensch gar nicht mit, was da wo lebt, existiert und unwiderbringlich ausstirbt).

Der Mensch ist nicht im Stande, die Ewigkeit zu erfassen (unsere Lebensspanne ist dafür zu kurz).

Der Mensch ist nicht im Stande, Gott zu erfassen (wenn es ihn gibt, so ist er vermutlich das größte Mysterium und jegliche Interpretation seines Willens muß per definitionem Anmaßung sein).

Der Mensch ist nicht im Stande, Perfektion zu erreichen (sehr philosophisch, aber was ist Perfektion, sie ist die Vollkommenheit und die ist wohl für unsereins nicht gedacht).

Der Mensch ist nicht im Stande, Sachlichkeit herzustellen (die Objektivität, die in vielen Debatten gefordert wird, kann, wie alles unerreichbare nur näherungsweise erreicht werden, Mathematiker verstehen).

42.

Im übrigen bin ich der Meinung, daß der Mensch sich dennoch darum bemühen sollte, das eine oder andere zu erreichen: mehr Umwelt- und Klimaschutz, mehr Chancengleichheit und Gerechtigkeit für alle Erdenbürger, mehr Liebe, mehr Freundschaft, mehr Freiheit. Der Mensch kann einiges erreichen, wenn er aufhört, sich selbst im Weg zu stehen.

Was ist Zensur?

Der Duden (Fremdwörterbuch, Band 5) definiert / beschreibt Zensur wie folgt:

"Zen|sur die;  -, -en: 1. Amt des Zensors (1). 2. von zuständiger, bes. staatlicher Stelle vorgenommene Kontrolle, Überprüfung von Briefen, Druckwerken, Filmen o. Ä. 3. a) kirchliche Prüfung religiöser Literatur von katholischen Verfassern; b) (kath. Kirchenrecht) Verwerfung einer theologischen Lehrmeinung. 4. Note, Bewertung einer Leistung"

© Duden 5, Das Fremdwörterbuch.  7. Aufl. Mannheim 2001. [CD-ROM].

Der Brockhaus in Text und Bild Edition 2002:

"Zensur,
die Überwachung von Meinungsäußerungen (z.B. in Presse, Film, Hörfunk, Fernsehen, Literatur, Kunst, Theater) durch die in einem politischen Machtbereich herrschende Klasse, Partei oder Staatsführung, um nicht konforme oder unkontrollierte Meinungsbildung in der Bevölkerung zu verhindern beziehungsweise die Meinung der Bürger in einseitiger Weise zu beeinflussen. In totalitären oder autoritär regierten Staaten ist Zensur ein Mittel der Unterdrückung."
© 2002 Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG

Das Grundgesetz äußert sich folgendermaßen in Art. 5:

"(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

(2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.

(3) Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung."

Die in Abs. 2 beschriebenen Schranken finden sich also im Jugendschutzgesetz, sowie im Strafgesetzbuch.

D.h. im Klartext, das Grundgesetz widerspricht sich selbst, wenn es in Abs. 1 behauptet, eine Zensur fände nicht statt. Andererseits ist der Widerspruch nicht totalitär. Er beschränkt sich auf einige Ausnahmen. Tatsächlich gibt es ja generell auch keinen Grund, das Recht auf persönliche Ehre zu verletzen, den Schutz der Jugend oder ihre Schützenswürdigkeit in Frage zu stellen.

(Neo- und Alt-)Nazis stören sich ja gern an den Strafgesetzbuchbestimmungen zur sogenannten Volksverhetzung, zum Verwenden von Zeichen verfassungsfeindlicher Organisationen etc., kurzum an der Wehrhaftigkeit der bundesdeutschen Demokratie. Auch diese Bestimmungen stellen eine Art von Zensur dar - eine Zensur allerdings, mit der ICH leben kann.

Die Piratenpartei und über 130.000 Unterzeichner einer Petition (darunter ich) haben erreicht, daß das von Familienministerin Ursula von der Leyen ("Zensursula") initierte Gesetz zur Sperrung von Kinderpornographienetzseiten, befristet und sehr freiheitlich gestaltet wurde (ohne Strafverfolgungscharakter für Nutzer, die versuchen, gewisse Seiten zu erreichen). Jene Unterzeichner sind der (mehrheitlichen) Meinung, daß eine staatliche Zensur auf diesem Wege, das falsche Mittel ist, um Kinder und Jugendliche vor sexueller Ausbeutung zu schützen.

Die Zensur in Deutschland ist - wo sie stattfindet - immer eine Gradwanderung zwischen kollidierenden Freiheitsgarantien, die das Grundgesetz einklagbar (!) vorsieht.

Deswegen gibt es mitunter einen Verfassungsschutz des Bundes und 16 weitere Ländergeheimdienste, die Organisationen beobachten, von denen man meint, sie stellen eine Gefahr für unsere Demokratie dar. Deswegen können mitunter einzelne Publikationen auch verboten werden.

Recht und Rechtsprechung suchen nach Gerechtigkeit in einer Abwägung der Interessen. Manchmal wiegt das Recht des einzelnen schwerer als das von vielen, mal ist es umgekehrt und mal halten sie sich die Waage. Deswegen wird ja jede Justitia mit einer Waage dargestellt. Ihre Blindheit ist aber manchmal erstaunlich und treibt für Otto Normalbürger nicht nachvollziehbare Blüten. Das ist die Unabhängigkeit der Gerichte, die nicht wie in der Weimarer Verfassung ausgehöhlt werden können. Zwar können Justizminister versuchen zu intervenieren, aber kein Minister kann mit 100%iger Sicherheit sagen, daß er Erfolg haben wird.

Und so sieht es also auch mit der Zensur in Deutschland aus. Sie existiert - aber in keiner vergleichbaren Härte, wie bspw. in China, im Iran oder überhaupt in eher weniger demokratischen Staaten. (An anderer Stelle könnte man sich nochmal über Demokratie Gedanken machen.)

Was ist Wahrheit?

Mit Blick auf meinen Beitrag zur Vernunft und alle vorangegangenen Beiträge, sowie mit meinen Erfahrungen im Umgang mit Menschen aus den letzten zwei Wochen, stellte sich mir die Frage nach der Wahrheit, bzw. nach dem, was sich mir als Wahrheit darstellt.

Gibt es mehr als eine Wahrheit? Oder gibt es nur verschiedene Blickwinkel auf ein und dieselbe Wahrheit? Wo da der Unterschied ist? Ganz einfach:

Verschiedene Menschen nehmen dieselbe Sache bzw. denselben Sachverhalt unterschiedlich wahr. Der Begriff Wahrheit und Wahrnehmung hängen im Wortstamm augenscheinlich eng zusammen. Ob das etymologisch (Etymologie: Lehre von der Herkunft der Wörter und Worte) korrekt ist, weiß ich im Augenblick nicht zu sagen. Die Antwort könnte 42 sein. ;-)

Auch wenn die ebengemachte Äußerung (Antwort=42) scherzhaft gemeint ist, ist es dieser öffentliche Gedanke von der Wahrheit nicht.

Wenn also die Wahrnehmung der Menschen differiert, sind die Menschen dann jeder für sich im Besitz einer eigenen Wahrheit oder nehmen sie ein und dieselbe Wahrheit nur unterschiedlich wahr?

Sind das Wortklaubereien oder wirklich unterschiedliche Dinge?

Was ist Vernunft?

Meinungsäußerungen hängen in aller Regel mit dem Gebrauch der Sprache und dem Denkapparat zusammen (hoffentlich). Der menschliche Denkapparat ([Groß-]Hirn) wird gemeinhin mit dem Sitz von Vernunft und Intelligenz verbunden, wobei nicht immer klar ist (auch mir gegenwärtig nicht), ob diese Begriffe synonym verwendet werden (können).

Ich weiß, das aktuell mindestens zwei Bücher auf dem Markt in den Topsellerlisten sind, die sich mitunter mit diesem grundlegenden und äußerst schwierigen Thema auseinandersetzen (Precht: Wer bin ich und wenn ja wieviele?; Sloterdijk: Du mußt Dein Leben ändern). Zumindest kann man diese (populär-)philosophischen Betrachtungen auch als zu diesem Thema gehörig einstufen, selbst wenn sie vordergründig sich mit anderen Themen beschäftigen. Alle Philosophie, alle Literatur ist eine Übung in Vernunft, eine Übung im Verstehen mit Hilfe erlernter Kulturtechniken (Lesen, Sprachgewalt etc.). Lesen bildet (den Charakter, die Intelligenz, das Verständnis, die Kommunikationsfähigkeit, die Wasweißichnichtnochalles …).

Vielen ist eigentlich nicht klar, daß sie mit dem Erwerb dieser Kulturtechnik, welch machtvolles Instrument sie in Händen (?) halten. Wieso verboten die Taliban alle Bücher mit Ausnahme des Koran, und den Schulbesuch seitens weiblicher Menschen? Es ist eine Machtfrage, eine Frage, wie Vernunft erworben wird durch den zeitgleichen Konsum von fremden Ideen, der Übung der rudimentär bereits eigenen Vernunft zu einer höherentwickelten durch Gebrauch des Denkapparates zu seinem eigenen Sinn und Zweck.

Mein Versuch, Vernunft zu beschreiben oder zu erklären, ist leider nicht perfekt, da ich nicht in der Lage bin, den Begriff Vernunft ohne die Verwendung seiner selbst darzustellen. Die Frage ist … geht das überhaupt?

Zitat Brockhaus in Text und Bild Edition 2002:

"Vernunft,
allgemein das Denkvermögen, die Einsicht; in der Philosophie nach I.Kant das Vermögen der Ideenbildung, die geistige Fähigkeit des Menschen, alle Einzelerfahrungen auf regulative Ideen wie »Welt«, »Seele« usw. hin zu orientieren und sie dadurch zu einer Gesamterfahrung zusammenzuschließen; als oberstes Erkenntnisvermögen dem Verstand übergeordnet. (Rationalismus)

Hier     finden Sie in Überblicksartikeln weiterführende Informationen:

Aufklärung: Sieg der Vernunft?

Descartes: Von der Methode des richtigen Vernunftgebrauchs

Vernunft und Glaube

Literatur:
Mittelstraß, J.: Neuzeit und Aufklärung. Studien zur Entstehung der neuzeitlichen Wissenschaft und Philosophie. Berlin u.a. 1970.

Gadamer, H.-G.: Vernunft im Zeitalter der Wissenschaft. Frankfurt am Main 1991."

© 2002 Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG

"Aufklärung: Sieg der Vernunft?", "Descartes: Von der Methode des richtigen Vernunftgebrauchs" und "Vernunft und Glaube" sind in jener Ausgabe eigenständige Artikel(-überschriften), auf die verwiesen wird.Die Literaturangaben wirken (auf mich) ein wenig spärlich und selbst für eine Ausgabe, die schon sieben Jahre alt ist veraltet, auf jeden Fall aber unvollständig.

Aber eben jenes Instrument Vernunft, befähigt uns richtig und falsch zu unterscheiden und unsere Handlungsweise zu beeinflussen - mitunter auch zu einer falschen Handlungsweise, von der wir wissen, daß sie andere schädigt, aber uns einen (vermeintlichen ?) Vorteil bringt.

Jüngste Untersuchungen bei Halbaffen haben wohl gezeigt, daß auch dort gewisse Vernunftbegabungen vorhanden sind: niederrangige Affen, die im Gegensatz zum Leittier einen freien Blick auf eine Futterquelle hatten, haben - je nach Art - entweder dem Alpha-Tier einen Wink gegeben, daß da was Leckeres ist oder haben das Wissen um die Futterquelle für sich behalten und diese bei Gelegenheit geplündert. Dahinter muß, so vermuteten die Forscher, eine gewisse Fähigkeit zur Abwegung von Argumenten stecken. Und sei es nur so simpel gestrickt wie Futter oder nicht Futter. (recherchierbar bei 3sat.de/nano)

Wo fängt also Vernunft an und wo macht sich ihr Einsatz bemerkbar? Und wieso erscheint so vieles im menschlichen Handeln im großen Maßstab unvernünftig? Bzw.was ist im Gegensatz zur Vernunft die Unvernunft?

Mitunter ist (hier vor allem an die Adresse der Unionsparteien gerichtet) der Artikel "Vernunft und Glaube", der weiter oben schon erwähnt wird, m.E. ein zynischer Seitenhieb auf jene Europäer, die das Abendland (Okzident, die Länder der sogenannten westlichen Hemisphäre) als vom christlichen Glauben geprägt sehen: "[…] Und gegenüber der Ernsthaftigkeit, mit der diese Fragen neuerdings gestellt wurden, verblassten der unbeholfene Versuch einer Antwort, der Hinweis auf Gottes unergründlichen Ratschluss, das Mysterium seines Willens oder das Jenseits, zu einem allzu billigen Ausweg, der der menschlichen Vernunft einfach unwürdig war. Mit der Aufklärung endet die christliche Prägung des Abendlandes, die Kirche gilt nun nicht mehr als Lehrmeisterin der Völker. […]"
© 2002 Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG

Ich find das witzig, aber dieser Artikel irrt, wenn er die Prägung des Okzidents durch die christlichen Kirchen mit Beginn der Aufklärung komplett negiert. Wäre dem so, hätte man in der Französischen Revolution nicht so vehement gegen die katholische Kirche vorgehen müssen (wobei Robespierre etc. sich hier vermutlich als Erfüllungsgehilfen des Sieges von Vernunft über Glaube sahen), und Bismarck hätte keinen Kulturkampf gegen die Katholiken in Schlesien und im Rheinland (vor allem gegen den Kölner Erzbischof) führen müssen. Was hingegen stimmt: mit der Aufklärung beginnt der Bruch mit der Religion und der kirchlichen Bevormundung im Abendland.

"Habe den Mut Dich Deines eigenen Verstandes  zu bedienen." Dieser Verstand sollte mitunter auch am 27.09.09 an den Wahlurnen Gebrauch finden. Dieser Verstand ist wichtig für jeden von uns im Leben mit- und leider auch manchmal gegeneinander.